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Thema: Der 100.Geburtstag von Günther Anders (Gelesen 4377 mal) |
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Ariadne (Offline)
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 Das Wesentliche ist unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut. (Saint-Exupéry)
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Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« am: 28. Juli 2002, 14:05 Uhr » |
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Wer Hat Lust und Interesse über das Werk "Die Antiquiertheit des Menschen" von Günther Anders zu plaudern und darüber zu diskutieren? Ariadne
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philoschall (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #1 am: 28. Juli 2002, 15:49 Uhr » |
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Hallo Ariadne, folgt aus der Annahme von Günter Anders, das nicht mehr das autonome Subjekt - etwa im Anschluß an Kant - die Welt gestaltet, das die Technik, die "zum Subjekt der Geschichte" geworden ist, den Weg der Menschheit notwendigerweise bestimmt? Stellt sich die postulierte Autonomie des freien Willens angesichts technischer Sachzwänge, die vom Techniker Mensch gesellschaftlich verwirklicht werden, als Scheinfreiheit heraus? Gruß philoschall
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Ariadne (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #2 am: 29. Juli 2002, 20:45 Uhr » |
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Da sprichst du einen wichtigen Kernpunkt in der Anthropologie von Anders an. Er fragt auch nicht mehr danach, was der Mensch ist, sondern ob das, was wir Mensch nennen, in Zukunft noch sein wird. In der Antiquiert des Menschen weißt er darauf hin, daß wir es schon lange nicht mehr autonome Subjekte sind. Darum dürfen wir nach Anders auch nicht mehr fragen, wie wir mit der Technik umgehen können, sondern was sie mit uns macht. Anders spricht auch von der "Weltfremdheit" des Menschen, daß wir als Menschen immer in einer grundlegenden Distanz zur Welt stehen. Der freie Wille, wie er von anderen Philosophen postuliert wird, den lehnt, Anders, so weit ich seine Werke kenne, ab. Die technischen Triumphe haben die Tendenz, den Menschen zu substituieren durch die Technik, wodurch der Mensch zwar scheinbar frei, aber auch überflüssig wird.
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philoschall (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #3 am: 30. Juli 2002, 12:48 Uhr » |
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Hallo Ariadne, wenn nach Günter Anders "Weltfremdheit" damit gegeben ist, das z.B. philosophisch an der Autonomie vom Subjekt im Zeitalter der Technik festgehalten wird, impliziert dieses Kritik an Metaphysik. Nicht in dem Sinne, das Mensch nun auschließlich auf Technik reduziert und reflektiert wird. Wohl aber das Metaphysik sich als Schein technisch gestalteter Gesellschaften, welcher im verkehrten Denken gründet, herausstellen läßt. Wird aber mit Kritik und Demontage von Metaphysik überhaupt Erkenntnis in die Struktur des Denkens gewonnen, wenn sich das moderne Subjekt bereits in technischen, d.h. relativen Sachverhalten - die nicht selten als absolute: genauer als verabsolutierte=individuelle Erfahrungen der Ohnmacht ins Bewußtsein kommen - findet? Oder leistet antimetaphysische Kritik erst die prinizipielle Erkenntnis in die Relativität technischer Kultur? Sollte zweiteres nicht abwegig sein, könnte philosophisch-kritisch vom Standpunkt der drei Hauptthesen von Anders Bezug auf Metaphysik genommen werden. So das Philosophie vor den drei Hauptthesen von Günter Anders: "das wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; daß wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und das wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen" nicht kapituliert. Jene Absagen an Philosophie, die mit einem Menschenverständnis erfolgen, die das vor der Technik kapitulierende Subjekt pessimistisch, nihilistisch ... setzen, wären lediglich metaphysisch, d.h. im Denken inkonsequent. Kämen also aus dem Dilemma des Denkens, welches sich in der Moderne mit verabsolutierendem Technikverständnis setzt, nicht heraus. Gruß philoschall
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| « Zuletzt bearbeitet: 30. Juli 2002, 13:19 Uhr von philoschall » |
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Ariadne (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #4 am: 30. Juli 2002, 18:44 Uhr » |
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Für Anders und viele seine philosophischen Zeitgenossen ist das Zeitalter der Metaphysik längst vorbei. Er hat, wie sein Schüler Konrad Liessmann es gut formuliert, im Grunde einen antrhopologischen Ansatz und betrachtet in der "Antiertheit des Menschen" den Menschen und die Technik. Auslöser war, daß anders in den 50-ern einen Boxkampf im Fernsehen gesehen hat. Nach Anders leben wir Menschen mit der Technik in einer "Pathologie der Freiheit". Anders will vor allem herausfinden, ob die Veränderbarkeit des Menschen mit der von ihm veränderten technischen Welt überhaupt Schritt halten kann. Anders hat befürchtet - und das Problem erscheint logisch unlösbar - daß das Wesen, dessen Wesen die Wesenlosigkeit ist und das deshalb gezwungen ist, sich immer erst zu entwerfen, diesen Entwürfen nicht mehr genügen könnte: Es könnte von sich selbst übertroffen werden, weil dieses seinen Kern selber darin hat, sich immer wieder zu überschreiten und damit auch negieren zu müssen. Die zentrale These von Anders für den Menschen und die Technik besagt, daß die Diskrepanz zwischen dem Menschen und dem von ihm produzierten technischen Geräteuniversum das entscheidende Merkmal des technologischen Zeitalters ist. Das vom Menschen hergestellte übersteigt seinen, physischen, psychischen und moralischen Horizont: "Wir sind invertierte Utopisten. Dies also das Grund-Dilemma unseres Zeitalters: Wir sind kleiner als wir selbst, nämlich unfähig, uns von dem von uns selbst Gemachten ein Bild zu machen. Insofern sind wir invertierte Utopisten: während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen." An anderer Stelle spricht Anders auch vom "prometheischen Gefälle". Mit dieser Diskrepanzphilosophie kann man meines Erachtens keine Metaphysik betreiben. Das Menschenverständnis von Anders ist für mich ein sehr anthopologisches, analytisches. Es klingt auch nie Resignation aus seinen Texten, nur kritische Beobachtung und Distanz. Was ich heute entdeckt habe: Die Aussage, das wir in unser Dasein hineingeworfen sind, von Sartre, die stammt ursprünglich von Günther Anders, was Sartre auch offen zugegeben hat. Gruß Ariadne
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philoschall (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #5 am: 30. Juli 2002, 20:42 Uhr » |
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Hallo Ariadne, dein Hinweis auf die von Anders herausgearbeitete Diskrepanz aufgreifend, möchte auch ich sagen, das damit Metaphysik nicht möglich ist. Ich sprach auch gar nicht davon, das mit seinen drei Hauptthesen Metaphysik möglich sein könnte. Ich geh im Gegenteil davon aus, das seine "Diskrepanzphilosophie" von Metaphysik weg ist. Und zwar soweit, das vielleicht die Frage, ob von seiner Position subsanztielle Kritik an Metaphysik ermöglicht wird, gestellt werden kann. Wenn die Geworfenheit des Subjektes bei Anders Sinn macht, dann doch diesen, das sich das Individuum in seiner technisch hergestellten Welt als jenes Wesen findet, dem das Ausmaß von Technik sein Denken überschreitet. Davon ausgehend, das Mensch sich in technischen Verhältnissen findet, die von ihm nicht mehr überschritten werden können, ergibt sich eine antimetaphysische Position. Frage wäre, inwieweit von dieser Position, vom "prometheischen Gefälle", Metaphysik als überholt angesehen wird? Oder ist es nicht vielmehr so, das sich Erkenntnisse von Metaphysik, welche von seinen Hauptthesen reflektiert werden könnten, nicht notwendigerweise ergeben. Das also diese Erkenntnis erst philosophisch eingeholt werden müßte. Nicht um nun kritische Metaphysik zu begründen, sondern um diese prinzipiell zu verabschieden - damit Philosophie nicht auf Metaphysik und Technikphilosophie reduziert wird, damit diese nicht sozusagen im "Gefälle" verkümmert. Gruß philoschall
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Ariadne (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #6 am: 03. Aug. 2002, 19:59 Uhr » |
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Halllo Philoschall! Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, daß Anders ein Antimetaphysiker ist. Meiner Meinung nach ist seit der kantianischen Wende im Denken keine Metaphysik mehr möglich. Die Versuche, die nach Kant gestartet wurden, greifen nicht richtig. Anders ist ganz und gar anthropologisch ausgerichtet und betrachetet den Menschen im technischen Zeitalter, den in seinem Werk auch als antiquiert bezeichnet. Weil er den Täuschungen erliegt z.B. des Fernsehens, das ihm sugeriert, er sei bei den wichtigsten Ereignissen ganz nahe oder der Politker redet mit ihm ganz persönlich im Wohnzimmer. Nach Anders müssen wir zu einer Technikphilosophie kommen, denn sonst erliegen wir immer der "Verbiederung" unserers Lebens, die uns die Medien schaffen. Technikphilosophie kann nur der Anfang sein zu einem reflektierten Verhalten und einer kritischen Position, die Anders ja Zeit seines Lebens bezogen hat. Ariadne
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philoschall (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #7 am: 03. Aug. 2002, 22:36 Uhr » |
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Hallo Ariadne, Ich bin ganz deiner Meinung: Günter Anders ist Antimetaphysiker. Und das ist für das Denken wichtig. Ich finde, das mit antimetaphysischer Philosophie grundlegende Kritik an den in Naturwissenschaft gründenden Gestaltungen technischer Kultur möglich ist. Freiheit kritisch im technischen Zeitalter zu reflektieren, bedeutet das selbstherrliche Subjekt mit seinen absoluten, genauer: verabsolutierten Freiheitspostulaten, verabschieden. Nicht, um nun den Menschen mit seiner Weltgestaltung als pessimistischen, nihilistischen ... zu beschreiben. Vielmehr um Erkenntnisse von der Relativität materialistischen Daseins unverstellt zu gewinnen. Die wissende Einsicht, z.B. in die Relativität des menschlichen Willens, das dieser sich NICHT in einer von empirisch bedingten Prozessen befreiten Ordnung, welche Metaphysik als Basis dient, aufzeigen läßt - das Wille vielmehr Moment der Unendlichkeit materieller Prozesse ist, ermöglicht einen antimetaphysischen Freiheitsbegriff. Ich meine das damit einiges gewonnen ist. Wird nicht mehr von metaphysischer Willensfreiheit ausgegangen, ist Freiheit erreicht die in Anthropologie gründet. Allerdings verschiebt sich mit dieser antimetaphysischen, d.h. konsequent materialistischen Position z.B. die mit Metaphysik postulierte Moral. Mit dem im relativen Dasein konsequent gründenden Wissen, welches sich mit der Verabschiedung metaphysisch begründeter Moral setzt, steht nicht mehr idealistisches Sollen im Vordergrund, sondern Selbsterkenntniss. Die technische Moderne ermöglicht die Einsicht, das Freiheit sich erst dann setzt, wenn dem Menschen sein materielles Dasein als Relatives konsequent aufgeht. Allerdings geht das zu sehr an das Freiheitsverständnis des modernen Subjektes. Von daher ist wohl zu erwarten, das weiterhin mit gutgemeinten Entwürfen Freiheit metaphysisch postuliert wird. Solche Entwürfe werden schwerlich von Anders "Diskrepanzphilosophie" ausgehen. Bestenfalls wird Metaphysik im Zeitalter der Technik Anders Philosophieren, das versucht den egoistischen Menschen nicht moralisch zu denken, vereinnahmen - um auf der Höhe antimetaphysischen Denkens mithalten zu können. Gruß philoschall
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| « Zuletzt bearbeitet: 03. Aug. 2002, 23:04 Uhr von philoschall » |
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Ariadne (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #8 am: 04. Aug. 2002, 13:23 Uhr » |
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Hallo Philoschall! Das mit der Freiheit ist ein Problem. Philosophien, die propagieren, daß wir frei sind, lügen sich meiner Meinung nach tief in die Tasche. Das ist das, was ich an Anders so schätze, daß er hier realistisch ist und sieht, daß wir keine vollkommen freien Wesen sind, das sind wir nie gewesen, nicht einmal in den Zeiten von Denkern wie Thomas oder Kant. Wir werden immer ein Konstrukt hineingeboren, daß uns viel vorgibt. Anders beschreibt im Diskrepanzgefälle sehr gut, wie es mit der Realität und unserer oft verzerrten Wahrnehumg steht, daß wir nicht frei sind, sondern uns das in unsere verbiederten Welt oft genug selber einreden. Darum ist Erkenntnis der Schritt, um zum Bewußtsein zu kommen. Darum spielt bei Anders für mich auch sehr stark die Erkenntnistheorie mit hinein. Wie erkennen wir etwas und integrieren es in unsere Realität? Vorgesetzte Moralsätze werde uns dabei nicht hilfreich sein, wenn wir sie nicht als für uns selber relevant annehmen können. Darum hat Anders meines Wissens auch nie eine Medienethik oder eine Ethik im technologischen Zeitalter entworfen. Er läßt seinen Lesern die "Freiheit" selber zu ihren ethisch-moralischen Positionen zu gelangen, zur Selbsterkenntnis zu kommen, wer und was sie in diesem Technologiezeitalter sind. Moralische Positionen können nur wirksam sein, wenn wir sie für uns selber anerkennen können. Anders hat auch in seinem Leben diese konsequente Position vorgelebt und war immer ver-rückt in Bezug auf seine Zeitgenossen. Ariadne
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philoschall (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #9 am: 05. Aug. 2002, 11:50 Uhr » |
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Hallo Ariadne, "Philosophisch ist dagegen wohl doch die nachträgliche Rückbesinnung auf diese sonderbare Tätigkeit, die wir "deuten" nennen, und auf die Deutbarkeit der Welt. Nicht nur die Frage, worin Deuten bestehe, sondern vor allem die, warum Deuten überhaupt NÖTIG ist, und wie es möglich ist; und was die Erforderlichkeit und die Möglichkeit des Deutens über die Welt und über unsere Position in ihr aussagt. Ich betone: "NÖTIG", nicht nur: "MÖGLICH". Durch diese Doppelfrage weiche ich von der klassischen transzendental-philosophischen ab, da sich diese, ausgehend von der in den Naturwissenschaften unbezweifelbar vorliegenden Erfahrung, allein mit den "Bedingungen ihrer Möglichkeit" beschäftigt hat." Günter Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Beck 1988. Bd. 2, Seite 419. Während Metaphysik ihre zu untersuchende Basis in vom empirisch-konkreten abstrahierten Begriffswelten findet, beginnt antimetaphysisches Denken mit der empirisch gefundenen Gegenständlichkeit. Antimetaphysische Philosophie zeichnet sich dadurch aus, das nicht nur das vom Individuum vorgefundene Konkrete, sondern das auch das Denken dieses Wahrgenommenen ohne Transzendenz, ohne metaphysische Konstruktionen, sich vollzieht. Der Unterschied von philosohisch-metaphysischer und naturwissenschaftlicher Anthropologie besteht wohl darin, das letztere versucht sich am konkreten Leben zu orientieren. Auf irgendetwas Transzendent bezogene Letztbegründungen des Seienden wird positiv kein Bezug mehr genommen. Wird nicht mehr an metaphysischen, d.h. vom Leben abgezogenen Begriffskonstrukten angeknüpft um Einsicht in konkret Gegenständliches zu finden, kommt das zu Untersuchende erst antimetaphysisch ins Blickfeld. Die Basis des Denkens und des Gedachten ist im von metaphysisch Konstruktionen befreiten Dasein gefunden. Ich finde, das Anders mit der "Dialektik der Deutung" und dem vor dieser "Dialektik" gesetzten Axiom: "Gedeutet werden und sich deutlich machen kann allein Lebendiges." (S. 420) einen wichtigen Hinweis für antimetaphysischen Denken gibt. Lebendiges ist dieses, weil dieses sich nicht nur äußert, somit Wahrnehmenden und deutenden Lebendigen sich öffnet, sondern sich Lebendigen auch "verbergt". Verstehen lassen sich in Lebenswelten vorgefundene Bewegungen: Dinge die mit antimetaphysischen Denken gegeben sind - nicht "Dinge an sich". Unabhängig vom Produzierenden, vom Herstellenden ist das aus der Unendlichkeit des Seienden Hergestellte, "die Produktewelt", nicht ausdeutbar. Wenn Anders in seinen Untersuchungen von konkreten Befunden technischer Lebenswelten ausgeht, bei der Interpretation dieser Welten stets die materialistische Anthropologie beibehält, findet auch Erkenntnistheorie von Metaphysik ihre Verabschiedung. Somit auch die bis Heute gepflegten moralischen Postulate, die nicht im empirisch Vorgefundenen, sondern im metaphysischen Begriffskonstruktionen gründen - die, werden diese zu gesellschaftlichen Postulaten erhoben, mehr von der allgemeinen Unfähigkeit zeugen den Problemen technischer Lebenswelten auf den Grund zu kommen, als vom Philosophieren. Die denkende Verabschiedung abendländischer Metaphysik steht noch an. Diese ruht in Selbsterkenntniss, nicht aber in Glaubenspostulaten. Was aber, wenn mit dem konsequent dieseitigen Denken des empirisch vorgefunden Gedachten das Denken nicht erschöpft ist!? Wenn nicht nur das Gefühlte, das Gewollte des Seienden und das zwecks praktischer Handhabung, d.h. das aufgrund theoretischer Trennung von Subjekt und Objekt gefundene naturwissenschaftliche Wissen ist!? Was, wenn Absolutes=das nichtmaterialistische Denken des Gedachten bereits ist, bevor Mensch seine praktischen und verfehlten Orientierungen in der Welt des materialistischen Seins gefunden? Was könnte denn dann Absolutes dem Menschen sein, wenn sowohl das antimetaphysische Denken vernünftig und die abendländische Metaphysik im Erfahrungsbewußtseins vernunftverkehrend gründet? Gruß philoschall
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| « Zuletzt bearbeitet: 05. Aug. 2002, 13:43 Uhr von philoschall » |
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Dyade (Offline)
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Re: Der 100.Geburtstag von Günther Anders
« Antworten #10 am: 09. Aug. 2002, 01:46 Uhr » |
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Hallo Ariadne, du schreibst: "Was ich heute entdeckt habe: Die Aussage, das wir in unser Dasein hineingeworfen sind, von Sartre, die stammt ursprünglich von Günther Anders, was Sartre auch offen zugegeben hat." zunächst, ich kenne Anders nur dem Namen nach, habe nie etwas von ihm gelesen. Jedoch ist die von dir oben zitierte "Welthaltung", weder von Anders noch von Sartre. Es ist eher eine zutiefst gnostische Weltsicht, die wohl, dokumentiert, bereits vor mehr als 2000 Jahren zB. in Teilen der Qumran-Dokumente zum Ausdruck kam und seit her in den verschiedensten Wendungen und Ausprägungen weiterlebt. Die Sicht auf den Menschen, der nicht "von-der-Welt" aber "in-der-Welt" ist hat natürlich für den ganzen Existenzialismus etwa bei Jaspers, Heidegger oder Sartre eine enorme Bedeutung. Aber selbst Philosophen wie Wittgenstein sprechen davon das das mystische nicht ist -was die Welt ist, sondern das sie ist. In jeder Variation begegnet man dem was man mit "gnostischer Weltfremdheit" bezeichnen könnte. Ein grundsätzlicher Abstand, oder eine grundlegende Differenz, die den Menschen in den alten Texten als einen Gefallenen betrachtete, der in diese Welt fiel wie in ein Gefängnis und die Tatsache seines Falls in diese Welt danach vergessen hat. Also, die Welt ist alles was gefallen ist. herzliche Grüße DY
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