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   Autor  Thema: Mill, naturalistischer Fehlschluss  (Gelesen 3181 mal)
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Beiträge: 7998
Re: Mill, naturalistischer Fehlschluss
« Antworten #15 am: 19. Juni 2009, 09:12 Uhr »

Am 19. Juni 2009, 08:53 Uhr, schrieb Geometriker :


 
2006 - seitdem verschlechtert sich mein Geisteszustand  
 
fast unmerklich....
 
 
Mill 1873:
 
"Wenn geniale Menschen einen starken Charakter besitzen und ihre Fesseln sprengen, so macht die Gesellschaft, der es nicht gelungen ist, sie zur Trivialität herabzudrücken, Warnungszeichen aus ihnen, auf die man mit feierlichem Schauder als auf Beispiele wilder Verirrungen hinweist."
 

 
Also ganz unmerklich war es nicht....
 
aber das ist das LOS aller froßen Philosophen
 
zu Mill - weiss auch nicht wieso ? - fällt mir das ein:
 
Ein Leser (Hans) schrieb ma:  
 
"Man soll mir ruhig noch ein paar Illusionen lassen,  
sonst wird das ganze hier doch zu nüchtern.
Warum sollte man ohne Illusionen glücklicher leben?"  
 
Wolfgang meinte dazu:
 
Hi, Multi - Zu Hans:
 
"Man soll mir ruhig noch ein paar Illusionen lassen, sonst wird das ganze hier doch zu nüchtern. Warum sollte man ohne Illusionen glücklicher leben?"  
 
Weil wir Menschen im Verlaufe der Evolution uns so entwickelt haben, daß wir "Glück" eben nicht empfinden, wenn uns die Jagdbeute entkommen ist, sondern wenn unser Pfeil sie zusammenbrechen läßt. (Eine Art, die sich über Mißerfolge freut, würde Mißerfolge suchen, würde diejenigen Verhaltensweisen bestärken, die Garanten für Mißerfolg sind, und wäre von einer anderen Art bald verdrängt.) Deshalb wollen wir treffend zielen. Deshalb wollen wir die Spuren der Jagdbeute treffend erkennen. Deshalb wollen wir Entscheidungsgrundlagen.  
 
>>> Und genau deshalb sind die Illusionen von heute die Garanten für den Frust von Morgen... Träume, Visionen, gern. Aber wer Visionen ohne Illusionen zu schaffen versteht, der ist nachher glücklicher. <<<
 
-------------------------------------------------------
MultiVista entzückt über diese Analyse:
 
Visionen OHNE Illusionen schaffen!
 
Sie sind tragfähiger und brechen (innerlich-tektonisch)  
nicht so leicht weg, wie das "wishful thinking" eines Religiösen...  
 
Und Gert:
 
"... die Balance zwischen „Angst(ventilation)“ und Informationsaustausch sich über einen sehr kurzen Zeitraum sehr zu Ungunsten der Sachinformation entwickelt hat.
Und da kommt die Information dann leider nicht mehr wirklich an (das zumindest mein Eindruck)
...
Irgendwie kommt mir das alles jetzt so vor, wie der Wettlauf zwischen dem Igel und dem (Angst)Hasen
Nur dass sich der Igel scheinbar noch mit der Klobürste vergnügt und dabei vergisst, dass dem (Angst)Hasen mit überlegener Schlauheit locker beizukommen wäre (grins). "
 
MultiVista meint auch:
 
DER mENSCH VON HEUTE (AUSNAHMEN GIBT ES WENIGE) WOLLEN NICHT WIRKLICH informiert WERDEN: SIE NEHMEN NUR DAS AN; WAS IHREN GLAUBEN (NICHT WISSEN)
BESTÄRKT: INFORMATIONEN; DIE EINEN "FASSADENEINSTURZ"  
 
http://209.85.129.104/search?q=cache:0PM5qe1V0RgJ:bb.focus.de/focus/view topic.php%3Ft%3D50037%26sid%3D0a54c01e9b29e2dfbfe8211b41107412+Fassadeneinsturz&hl=de&ct=clnk&cd=3&gl=de&ie=UTF-8  
 
AUSLÖSEN KÖNNTEN - WERDEN AUSGEBLENDET; ZUMINDEST ABER ÜBERBLENDET! Und so gesehen, meinte es damals DDR-Walter Ulbricht vielleicht sogar ernst,  
als er sagte: "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen"...  
 
es wurde dennoch eine gebaut -und er "wusste" es vielleicht gar nicht...   weil er es sehr gut verdrängte, so stark, dass sie "wirklich" nicht da war... und ausserdem hatte er "wirklich" nicht die Absicht, denn es geschah ja nicht aus seinem "vermeintlich freien" Willen - sondern das System ("Gesetze") beherrschten auch ihn ... und so baute ES die Mauer, das System, nicht Ulbricht.
 
Genug vom Psychologismus für heute ... hoffe aber, es ist wieder ein "Wachrüttler" gewesen - oder? Ansonsten geht Ihr bitte wieder mit dem Cursor ganz nach oben, und lest solange, bis Eure Mauer endlich fällt..
 
Ja Ja - auch Multis Hoffnung bezüglich seiner Freunde stirbt zuletzt
 
P.S.
 
"Dass sich Menschen von Geburt an in ihren geistigen Fähigkeiten unterscheiden, ist nach Ansicht des Direktors am Berliner Max-Planck-Institut für Molekulargenetik eines der letzten großen Tabus in unserer Gesellschaft...."
 
Richtig!  
 
Und Tabu heisst auch:  
 
Man will es nicht wahr-haben !!  
 
Wir sind nicht frei!  
Wir tun so als ob, aber es ist nicht so.  
 
Wer depressiv ist, ist auch nicht frei..  
aber er denkt dennoch er wäre es.  
 
Warum?  
 
Weil sein "Haus" sonst einstürzt!  
 
Also:
 
Fassaden niederreissen!  
 
Dann seid Ihr zwar immer noch nicht grundsätzlich frei,  
aber von Illusionen befreit, die Euch bedrücken,  
ohne dass Ihr es merkt!
 
http://www.philtalk.de/cgi-bin/YaBB.cgi?board=metaphysik;action=display; num=1079751629;start=15
 

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Re: Mill, naturalistischer Fehlschluss
« Antworten #16 am: 19. Juni 2009, 13:39 Uhr »

Maya muß sein !
 
Das Ende der Illusion ist das Ende des Lebens.
 
LG
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wokarb
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Re: Mill, naturalistischer Fehlschluss
« Antworten #17 am: 20. Juni 2009, 16:49 Uhr »
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Am 19. Juni 2009, 13:39 Uhr, schrieb Geometriker :


.....
 
Das Ende der Illusion ist das Ende des Lebens.
 
LG
Geo

Das Ende des Lebens von demjenigen, der ohne Illusionen nichts ist, was er aber auch mit Illusionen ist ....möglicherweise, ohne dies zu bemerken ...
Gruß, wokarb

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Re: Mill, naturalistischer Fehlschluss
« Antworten #18 am: 21. Juni 2009, 09:37 Uhr »

Am 19. Juni 2009, 13:39 Uhr, schrieb Geometriker :

Maya muß sein !
 
Das Ende der Illusion ist das Ende des Lebens.
 

 
 
DAS ist meine Frage gewesen:
http://www.philtalk.de/msg/1214832138.htm

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Re: Mill, naturalistischer Fehlschluss
« Antworten #19 am: 03. Feb. 2010, 17:08 Uhr »

Das war kein MIllscher Fehlschluss:
 
(Michael Schefczyk, Uni Münschen in der NZZ am 16.1.2010)
 
Mill vorbeizielt, stellt die berühmte Frage dar, wie er auf die kühne Idee kommen konnte, Liberalismus und Utilitarismus, Freiheits- und Nutzenprinzip seien vereinbar.  
Dass Mill Autor von «Utilitarianism» und «On Liberty» ist, halten viele für das Ergebnis seiner Unbekümmertheit in Fragen der Systematik. Denn der Utilitarismus fordere, wo immer möglich, den allgemeinen Nutzen zu fördern. Wie soll dies zusammenstimmen mit dem Liberalismus, der den Individuen doch gerade eine unantastbare Sphäre der Selbstbestimmung garantieren möchte?  
Als Liberaler behauptet Mill, man dürfe mit seinem Leben tun und lassen, was man wolle, sofern man andere nicht schädige; als Utilitarist – so meinen viele – legt er sich dagegen auf die These fest, dass das Individuum ein blosses Werkzeug für die Produktion allgemeinen Nutzens sei.  
Dringt man nun aber etwas tiefer in das Textgewebe von Mills «Utilitarianism» ein, so zeigt sich, dass Mill das Nutzenprinzip in einer Weise deutet, die ihn zum Freiheitsprinzip führt.  
 
Mit anderen Worten: Mills Utilitarismus ist im Kern liberal angelegt. Mill bestimmt das Nutzenprinzip als die Forderung, das gesellschaftliche Regelsystem so einzurichten, dass möglichst allen Menschen eine Existenz ermöglicht wird, die so weit wie möglich von Schmerz verschont bleibt und so reich wie möglich an Lust ist; wobei der Reichtum an Lust sowohl eine quantitative als auch eine qualitative Dimension hat.  
...
 
Ein (das?) Motiv in Mills Utilitarismus: Das Leben einer Person kann nicht dadurch verbessert werden, dass man ihr Tätigkeiten oder Zustände aufzwingt, die sie als freud- und daher als (für sich selbst) wertlos ansieht und nicht aus freien Stücken wählen würde. Dies gilt selbst dann, wenn alle kompetent Urteilenden zu der Auffassung gelangt sein sollten, dass bestimmte Zustände oder Tätigkeiten mit hochwertigen und relativ vorzugswürdigen Freuden verbunden sind.  
 
Ein weiterer protoliberalen Motiven.  
 
Mill meint, es sei nach dem Urteil der kompetent Urteilenden besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein, besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Trottel. Doch das besagt für ihn nicht, dass wir versuchen sollten, unser Leben ganz in den Dienst der qualitativ hochwertigen Tätigkeiten zu stellen.
 
...
 
Ein Satz aus «On Liberty», in dem Mill lapidar die utilitaristische Fundierung des Freiheitsprinzips behauptet, da meinte Mill, dass die Ausübung von Konformitätsdruck und die Verweigerung individueller Freiheitsspielräume den Interessen aller Menschen und der Menschheit als Ganzem entgegenstünden. Hier kommt sein Empirismus in Verbindung mit seinen Thesen über das, was gesellschaftlichen Fortschritt und individuelles Wohlergehen bewirkt, zum Zuge. Wir verfügen über kein erfahrungsunabhängiges Wissen darüber, was unser Leben zu dem für uns bestmöglichen machen würde. Wir sind auf Lebensformexperimente, eigene und die anderer, angewiesen.  
 
....
 
Ein liberaler Mensch, wie Mill ihn sich vorstellt, nimmt nicht die Freiheit der anderen nolens volens hin und toleriert sie, so wie er von ihnen toleriert werden will. Seine Haltung ist offener, neugieriger und affirmativer. Ohne Normabweichung, ohne das Probieren des anderen würde die Menschheit nie erfahren, welche Möglichkeiten der Steigerung in ihr liegen – und wenn Mill von Steigerung spricht, so denkt er nicht an freudlose Höchstleistungen, sondern an die Vollendung der Fähigkeit, ein freudvolles Leben zu führen – in qualitativer und quantitativer Hinsicht. Ohne Variation und Abweichung würde sich das gesellschaftliche Leben bald in toten Zeremonien erschöpfen. (Anm.: DAS ist ja auch das Prinzip der Evolution insgesamt!)
 
Konformitätsdruck und Versuche der Einschränkung der Individualität führen somit nach Mill zu einer Verarmung des kulturellen Wissens über das Menschenmögliche; und daran kann niemand ein vernünftiges Interesse haben. Schon gar nicht ein Utilitarist.  
 
 
 
 
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Re: Mill, naturalistischer Fehlschluss
« Antworten #20 am: 03. Feb. 2010, 17:21 Uhr »

I.d.Z. zitiere ich auch aus einem Essay von  
Ulrike Ackermann:
 
Dem Soziologen Georg Simmel verdanken wir den luziden Hinweis auf den Zusammenhang von sich ausweitender Geldwirtschaft und der Zunahme individueller Freiheit. An der Schwelle des 20. Jahrhunderts beschrieb Simmel diesen Prozess in seiner Philosophie des Geldes  
 
Für Simmel ist die moderne Freiheit des Individuums ohne das Geldwesen nicht denkbar. Erst das Geld ermöglichte die Befreiung aus persönlicher Herrschaft und schuf die Möglichkeit, ein individuelles Leben zu führen, neue Freiheiten zu entdecken und auszuschöpfen.  
 
Das Geld stiftete eine Entfernung zwischen Person und Besitz, zwischen Haben und Sein, indem es das Verhältnis zwischen beiden zu einem vermittelten machte. Zugleich schuf der Geldverkehr eine neue starke Bindung zwischen Mitgliedern desselben Wirtschaftskreises: "Indem das Geld die Teilung der Produktion ermöglicht, bindet es die Menschen unweigerlich zusammen, denn nun arbeitet jeder für den andern, und erst die Arbeit aller schaft eine umfassende wirtschaftliche Einheit, welche die einseitige Leistung des Individuums ergänzt."
 
Daraus konnte allmählich eine Kultur der Eigenverantwortung und der freiwiligen Zusammenschlüsse entstehen. Das Selbstbestimmungsrecht und die rechtliche Gleichrangigkeit der Einzelnen zeichnen bis heute den Markt als sozialkulturelles Konzept aus. Das Ineinander und Gegeneinander der Handlungen, Zwecke und Pläne vieler Einzelner in einer Gesellschaft ist indes nie ein geplantes, großes Werk gewesen. Unsere Geschichte mit ihren Fortschritten und Rückschlägen ist gerade keinem Plan oder einem geheimem Telos der Geschichte, dem "Weltgeist" oder einem "göttlichen Uhrmacher" zu verdanken. So scheiterten denn auch alle Versuche, eine perfekte Gesellschaft mit perfekten Menschen zu planen.  
 
Das Selbstbestimmungsrecht ist der Kerngedenke des Liberalismus und geht zurück auf den englischen Aufklärer John Locke.
 
Sein Prinzip der "selfownership", des Eigentums an sich selbst, ist das personale Recht, über sich selbst, den eigenen Körper und die Ergebnisse der eigenen Arbeit zu verfügen. Dieses gleiche Recht eines jeden Individuums auf Selbstbestimmung hat John Stuart Mill (siehe oben!) vor 150 Jahren in seiner berühmten Schrift "On Liberty" noch weiter ausgefeilt. Die freie Entwicklung der Persönlichkeit war für ihn die Hauptbedingung der Wohlfahrt. Gegen Konformismus, Gleichförmigkeit und die Tyrannei der öffentlichen Meinung setzte er die Eigenwilligkeit des Individuums: seine Freiheit des Denkens und des Fühlens, die Unabhängigkeit seiner Meinung und Gesinnung, die Freiheit, einen eigenen Lebensplan zu entwerfen und zu tun, was uns beliebt, so lange wir niemandem etwas zuleide tun. Die Unterschiede der Lebenspläne und -stile und das Recht, sich von jedem anderen Individuum zu unterscheiden, macht gerade den Motor und die Dynamik unserer Entwicklung aus. Die Uniformität sozialer Gleichheit würde Stillstand bedeuten.
 
Spätestens seit der Aufklärung begleitet uns jedoch ein Dilemma, nämlich die Sehnsucht nach Freiheit, die ständig mit der Angst vor der Freiheit ringt.  
 
Beide sind angetrieben vom Eros, jenen Lebens- und Erkennnistrieben, die die Vernunft nicht hat bändigen können, die nicht Ruhe geben und uns zugleich die Kraft verleihen, die Freiheit zum Guten wie zum Bösen zu nutzen.  
 
Das ist ihr Doppelgesicht. Der Eros ist die untergründige Antriebskraft unserer Zivilisationsgeschichte und zugleich jene, die unser persönliches Leben trägt und der individuellen Freiheit den Ansporn gibt. Er verkörpert die Lust und die Neugierde auf das Leben, auf die Welt, auf andere Menschen. Zuweilen zieht er sich zurück, ist müde und erschöpft vom Kampf gegen die Feigheit, überrumpelt von Bänglichkeit. Oder gerät ins Straucheln, sieht den Wald nicht mehr vor lauter Bäumen angesichts der überbordenden Möglichkeiten, zwischen denen er wählen kann.  
 
Der westliche Zivilisationsprozess war so erfolgreich, weil sich die Vernunft etablierte und den Glauben in Wissen verwandelte und anschließend dieser Vernunft die Skepsis und Kritik begegnete.  
 
Bekanntlich war dies ein schmerzvoller und immer wieder mit Rückschritten gepflasterter Weg, angetrieben von der Vernunft aber zugleich von ihrer anderen dunklen Seite, der Irrationalität, nämlich der Phantasie, den Wünschen und dem Erfindungsgeist. Denn was die Individuuen in einer Gesellschaft zusammenhält, sind nicht nur ihr Wille, rationale Zwecke, Kalküle, soziale Regeln und ein der Freiheit verpflichtetes Vertragswerk in Gestalt unserer demokratischen Verfassungen, sondern das sind auch Gefühle, soziale Beziehungen und schöpferische Imaginationskräfte.  
 
Das dynamische Wechselspiel zwischen Rationalität und Irrationalität sorgt dafür, dass sich beide weiterentwickeln und Neues entsteht.
 
Die individuelle Freiheit kann sich indes nur entfalten, wenn sie ihre irrationale Seite einbegreift: indem sich das Individuum seiner Potenzen und Möglichkeiten, angetrieben vom Eros, ebenso bewusst wird wie seiner Widerstände und Ängste.
 
Seit der griechischen Polis durchzieht der sukzessive Freiheitsgewinn wie ein roter Faden unsere Zivilisationsgeschichte. Er wurde erkämpft mit dem fortlaufenden Aufbegehren gegen die Unfreiheit und den Zwang, im sozialen, politischen, gedanklichen oder privaten Felde. Die Freiheit konnte gedeihen, weil sie sich zäh und beständig aus Ketten, Zwängen und Verstrickungen emporschwang und unbeirrlich weiterwuchs.  
 
Der größte Schatz unserer Zivilisationsgeschichte ist die individuelle Freiheit. Jeder und jede kann sie auf ureigenste Weise ausschöpfen, ob als zurückgezogener Rosenzüchter, politisch engagierter Bürger, leidenschaftliche Musikerin, gläubiger Tapezierer, atheistischer Koch, aufopfernder Vater, kämpferische Dichterin oder akribischer Hausmeister.  
 
Die westliche Zivilisation hat die Bedingungen dafür geschaffen. Sie hat Menschen hervorgebracht, die aufgrund ihrer Kapazitäten in der Lage sein können, mündig und zugleich ihrer Abgründe bewusst, ein autonomes und unabhängiges Leben zu führen. Die Ambivalenzen und Widersprüche, in die uns die Freiheit verwickelt, kann uns jedoch niemand abnehmen, die müssen wir schon selbst aushalten. Aber wir sind so erwachsen geworden, dass wir keine Tugendwächter brauchen, weder den Staat noch eine Ideologie, die uns moralisch oder politisch vorschreibt, wie wir zu leben haben und wie unser Glück auszusehen hat. Es gibt keine bestimmte Konzeption des guten Lebens, die für alle gültig wäre, aber das Recht eines jeden, frei und gleich geboren, sein jeweiliges Glück zu verfolgen.
 
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