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Thema: Grenzen der Toleranz (Gelesen 17203 mal) |
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ffloo
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #60 am: 16. Juni 2003, 11:39 Uhr » |
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meine herren, geht ja derb ab hier! BLUT, BLUT, BLUT, BLUT!! die runde geht eindeutig an paul!
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Karyon (Offline)
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #61 am: 16. Juni 2003, 12:10 Uhr » |
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Ich bitte darum, meine Beitrag genauer zu lesen. Ich nehme das Beispiel "paul" um die "Mechanismen der Toleranz" aufzuzeigen. Ob Du, Paul, den Verfallenen blöd findest oder nicht, ist mir persönlich egal. Ich z.B. würde auch keine Wasserstoffbomben wählen. ABer ich nehme gerade an einer Diskussion über Toleranz teil, deshalb meine Aussagen. Warum ich Toleranz für unzulänglich halte, habe ich doch deutlich ausgedrückt: Weil es eine Verurteilung im Vorfeld ist, welche dann DANACH rationalisiert, bzw. positiviert wird und so zur Duldung (Toleranz) führt. Das Urteil bleibt bestehen und wird, wenn die Parameter sich ändern, eventuell wieder aktiv. Und Verurteilungen bedeuten natürlich immer, dass einer Recht hat und der Andere unrecht. Aus diesen Gründen werden alle Kriege geführt. Die Toleranz überdeckt diesen "Mechanismus" nur notdürftig - für mich überdeckt sie gar nichts. Karyon
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ffloo
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #63 am: 16. Juni 2003, 16:21 Uhr » |
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ojeojeoje, karyon, jetz hatt er dich bald entgültig! streng dich mal an oder kapituliere ehrenvoll! paule vooor, noch ein tooor!!!
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noisette
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #65 am: 17. Juni 2003, 21:27 Uhr » |
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[quote author=Karyon] Warum ich Toleranz für unzulänglich halte, habe ich doch deutlich ausgedrückt: Weil es eine Verurteilung im Vorfeld ist, welche dann DANACH rationalisiert, bzw. positiviert wird und so zur Duldung (Toleranz) führt. Das Urteil bleibt bestehen [/quote] hallo karyon! für kapitulation besteht aus meiner sicht überhaupt kein grund. denn an deiner definition bzw. deinem verständnis von toleranz ist auf jeden fall was dran. was vermutlich für manchen leser 'schwer verdaulich' ist, ist deine annahme von der 'vorverurteilung'. meines erachtens genügt bereits die feststellung, dass jemand oder etwas ANDERS ist bzw. von der eigenen position ABWEICHT, wobei diese abweichung sicherlich in vielen fällen als nicht gleichwertig erlebt/beurteilt wird. grüsse, n.
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Karyon (Offline)
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #66 am: 17. Juni 2003, 23:06 Uhr » |
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noisette, ich habe nur vor der diskussion mit paul kapituliert, weil wir uns nicht verständigen können. Ich finde schon den Begriff "Toleranz" selbst-verständlich. Karyon
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Eberhard (Offline)
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Grenzen der Toleranz gegenüber Dogmatikern
« Antworten #67 am: 18. Juni 2003, 16:56 Uhr » |
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Hallo miteinander, ich will noch mal zur Ausgangsfrage zurückkehren: „Was sind die Grenzen der Toleranz?“ Wenn man die Frage auf die Toleranz gegenüber Meinungsäußerungen einschränkt, ergibt sich die Frage:Inwiefern darf das Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt werden? Um diese Frage zu beantworten, muss zuerst die Frage beantwortet werden, warum es überhaupt Meinungsfreiheit geben soll. Um es kurz zu machen: Die unzensierte öffentliche Diskussion, an der jeder teilnehmen kann, sei es aktiv durch eigene Argumente oder sei es passiv als Publikum, ist die Voraussetzung dafür, dass auf die anstehenden Fragen richtige Antworten gefunden werden. Denn wenn Argumente und Positionen unterdrückt werden, findet die kritische Überprüfung der zugelassenen Positionen in Bezug auf diese Argumente und Positionen nicht statt. Wer gegen das allgemeine Recht auf freie Meinungsäußerung einwendet, dass man doch falschen Ansichten keine Verbreitungsmöglichkeit geben dürfe, der setzt voraus, dass er die richtigen Antworten bereits weiß. Aber wenn seine Position kein bloß zu glaubendes Dogma sein soll, sondern deren Richtigkeit allgemein nachvollziehbar begründet sein soll, dann müssen auch alle Gegenargumente zugelassen werden. Mit dem Bekenntnis zur Unterdrückung anderer Meinungen hat der Dogmatiker die „vernünftige“ Diskussion aufgekündigt. Er hat zu erkennen gegeben, dass es ihm nicht um allgemeingültige, für jedermann nachvollziehbare Antworten geht. Insofern kann er sich auch nicht mehr auf ein allgemeingültiges Recht zur freien Meinungsäußerung berufen. Wollen die Anhänger eines bestimmten Dogmas ihre Position trotzdem zur allgemein verbindlichen Lehre erheben, so dürfen und müssen sich die Andersdenkenden gegen diesen reinen Machtanspruch mit andern Mitteln als nur Argumenten zur Wehr setzen. Das kann letztlich heißen, dass die Aktivitäten dieser Dogmatiker nicht mehr geduldet werden und deren Organisation verboten wird. Die Grenzen der Toleranz sind erreicht, meint Eberhard.
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paul (Offline)
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #68 am: 18. Juni 2003, 17:23 Uhr » |
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wunderbar Eberhard, du hast soeben über all die laufenden ethikthreads hinweg eine wichtige 1. Ethik-Regel aufgestellt Meinungsfreiheit, woraus sich allerhand weiteres ableiten läßt, Schutzt der Meinungsfreiheit bis zum Verbot (Dogmatiker??? Religion?) etc. Ist diese Meinungsfreiheit jetzt absolut? gibt es einen Grenze der Meinungsfreiheit? Ethik-Regel 2... 3,4,5? Schon fast zu viel. Gruß Paul
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| « Zuletzt bearbeitet: 18. Juni 2003, 17:28 Uhr von paul » |
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Galaxis (Offline)
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #69 am: 15. Juli 2003, 19:06 Uhr » |
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Am 26. Okt. 2001, 17:53 Uhr, schrieb Uwe Wiedemann :Offenbar spielt in der letzten Zeit, die Frage nach den Grenzen der Toleranz eine große Rolle. Hier bei PhilTalk war schon mindestens zweimal am Rande das Thema diskutiert worden und hin und auch in meinem Postfach war die Frage zweimal von mir unbekannten eMail-Schreibern. Ich möchte hier die Diskussion auf diesen Punkt lenken und fragen: Was sind die Grenzen der Toleranz? Uwe |
| Zum Thema Grenzen 2 Zitate: »Wir wollen die Freiheit um der Freiheit willen und durch jeden besonderen Einzelumstand hindurch. Und indem wir die Freiheit wollen, entdecken wir, daß sie ganz und gar von der Freiheit der anderen abhängt. Gewiß hängt die Freiheit als Definition des Menschen nicht vom andern ab, aber sobald ein Sichbinden vorhanden ist, bin ich verpflichtet, gleichzeitig mit meiner Freiheit die der anderen zu wollen, und ich kann meine Freiheit nicht zum Ziel nehmen, wenn ich nicht zugleich die der andern zum Ziel nehme.« (Sartre) "Der Klügere gibt nach, bis es ihm zu dumm wird". Was Toleranz betrifft, sollte pragmatischen Denken nicht fehlen. Zwar sollte Toleranz für alle Beteidigten die großmöglichste Freiheit beinhalte, aber es sollte nie aus den Augen verloren werden, zu welchen Nutzen. Führt Toleranz dazu, dass untolerantes Verhalten destruktiver Art überhand nimmt, wäre es wahrlich sicher nicht sinnvoll, nicht einschränkend zu handeln. Gruß Galaxis
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MultiVista (Offline)
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #70 am: 29. Juni 2007, 09:29 Uhr » |
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Am 15. Juli 2003, 07:15 Uhr, schrieb Galaxis : »Wir wollen die Freiheit um der Freiheit willen und durch jeden besonderen Einzelumstand hindurch. Und indem wir die Freiheit wollen, entdecken wir, daß sie ganz und gar von der Freiheit der anderen abhängt ... und ich kann meine Freiheit nicht zum Ziel nehmen, wenn ich nicht zugleich die der andern zum Ziel nehme.« (Sartre) "Der Klügere gibt nach, bis es ihm zu dumm wird". Was Toleranz betrifft, sollte pragmatischen Denken nicht fehlen. |
| Also zum "Nachgeben des Klügeren": Wenn alle Klugen immer nachgeben, dann sind zukünftig eben nur noch Idioten an der Spitze/Macht! Zu den Grenzen der Toleranz also etwas aus einer Rede von Henryk M. Broder (http://de.wikipedia.org/wiki/Henryk_M._Broder ) Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein und Grenzen ziehen. Von Oskar Panizza stammt der Satz: Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft. ... Ist es nicht seltsam, mit welcher Heftigkeit das Für und Wider der neuen Frisur von Ursula von der Leyen debattiert wurde? Und wenn man die Diskussionen um die Nachfolge von Sabine Christiansen und Anne Will verfolgte, musste man zu dem Schluss kommen, dass es nicht um die Besetzung zweier Fernsehsendungen, sondern eine Neuregelung der Erbfolge im Hause Habsburg ging. Ich versuche zu verstehen, warum eine Raketenabfanganlage, die von den Amerikanern in Tschechien gebaut werden soll, den Menschen Angst macht und die Politiker von einer Wiederbelebung des Kalten Krieges phantasieren lässt, während die Tatsache, dass Iran sich zur Atommacht erklärt hat, so gelassen wie ein unvermeidliches Naturereignis hingenommen wird. Es gab keinen Aufschrei der Empörung, als der Direktor des Hamburger Orient-Instituts vor kurzem erklärte, falls Iran wirklich nach Atomwaffen strebe, dann nur deshalb, um mit dem Westen auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können. Teheran gehe es darum, endlich respektiert zu werden... Was passiert zur Zeit in Europa? Alle wissen, es gibt ein Problem. Keiner weiß, wie man es lösen könnte. Also wird es entweder ignoriert, oder man sucht nach einem therapeutischen Ansatz, um wenigstens etwas Zeit zu gewinnen. Der Mann in Teheran, der sich eine "World without Zionism" wünscht, der den letzten Holocaust leugnet und den nächsten plant, der sei doch nur ein Angeber und Wichtigtuer, ein Verbalradikaler, der sich mit markigen Sprüchen gegen seine Konkurrenten daheim zu profilieren versuche. Er meine es nicht so, und falls der Iran doch an einer Atombombe baue, werde diese frühestens in drei bis fünf Jahren fertig sein. Kein Grund also, beunruhigt zu sein, zumal im schlimmsten aller Fälle es nur die säkulare Türkei und "natürlich Israel" erwischen würde. Ich hatte es mir vorgenommen, heute ausnahmsweise nichts zur Appeasement-Politik der Europäer gegenüber dem neuen Totalitarismus zu sagen, der die Tradition des Faschismus und Kommunismus aufnimmt, um sie diplomatisch und technologisch weiterzuentwickeln. Ich mag mich nicht wiederholen. Freilich: Wir haben es immer wieder mit derselben Situation zu tun: Dem Tatendrang der einen Seite, die sich als der bewaffnete Arm Gottes versteht, steht das hilflose "Nie wieder!"- und "Wehret den Anfängen!"-Gestammel der anderen Seite gegenüber, die nicht gemerkt hat oder nicht merken will, dass die Anfänge schon lange vorbei sind. Das Engagierteste, das man von ihr erwarten kann, ist das alljährliche Gedenken an die Befreiung von Auschwitz, denn nicht nur in Deutschland, in ganz Europa wird der Kampf gegen die Nazis umso heftiger geführt, je länger das Dritte Reich tot ist. Wenn sich aber ein deutscher Angler in Grenzgewässern versegelt und anschließend zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt wird oder fünfzehn britische Soldaten festgenommen und der Welt als Spione vorgeführt werden, dann macht sich Ratlosigkeit breit; man möchte den Dialog mit dem despotischen Regime nicht gefährden und auf keinen Fall mit Sanktionen drohen, denn das würde die Lage nur verschlimmern. Einer der britischen Soldaten brachte die Situation nach seiner Freilassung und Heimkehr auf den Punkt. Er sagte: Fighting was no option. Wozu wird dann einer Soldat, wenn Kämpfen keine Option ist? "Fighting is no option" wäre ein schönes Motto für die europäische Verfassung, man sollte den Satz auch auf alle Euroscheine drucken. Aber ich will heute nicht granteln und nicht zürnen, mich nicht über den Verfall der Werte und die Volksmusikabende im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufregen. Ich will mich am liebsten überhaupt nicht mehr aufregen. Ich finde die vielen hauptamtlichen Aufreger nur noch lächerlich. Sie sitzen bei Christiansen, bei Illner oder im Presseclub und geben Sätze von sich, die sich so anhören wie ein rostiges Gartentor, das man vor zehn Jahren zuletzt geölt hat. Vor die Wahl zwischen Depression und Aggression gestellt, habe ich mich immer für die Aggression entschieden. Das erschien mir bekömmlicher. Inzwischen freilich suche ich nach einem dritten Weg, nicht weil ich weiser, sondern weil ich müder geworden bin. Irgendwann fiel mir auf, dass mein Blick öfter von Anzeigen für Seniorenresidenzen und den Treppenlift von Lifta als von der Werbung für Dessous von Victoria's Secret angezogen wird. Ich bin darüber so erschrocken, dass ich mich inzwischen dazu zwinge, Berichte über das Liebesleben der Jungs von Tokio Hotel zu lesen, um den Anschluss an die Moderne nicht zu verlieren. Aber diese Strategie der Ablenkung kostet Kraft, und sie funktioniert nur bedingt. Denn allen guten Vorsätzen zum Trotz rege ich mich immer noch auf, öfter und heftiger, als ich es möchte. Um am Ende immer wieder bei der Frage zu landen: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Ist es wirklich wahr, oder habe ich es mir nur eingebildet, dass der Intendant eines Berliner Theaters über die Killer, die unter dem Markenlogo RAF anderer Menschen Blut vergossen haben, sagt, sie seien "keine gewöhnlichen Mörder" gewesen, "die töteten, um sich zu bereichern", sondern fehlgeleitete Idealisten ohne materielle Interessen, die "etwas gegen die Ermordung von Hunderttausenden von Kindern und Frauen" in Vietnam unternehmen wollten? Abgesehen davon, dass auf dem Höhepunkt der RAF-Aktionen der Vietnamkrieg schon vorbei war, müsste nach einem solchen Satz die Erde beben - so lange, bis der Intendant vom eigenen Orchestergraben verschluckt wird. Kann es wirklich sein, dass der rechtskräftig verurteilte Mörder eines elfjährigen Kindes mit einer Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Erfolg hat, weil seine Menschenrechte durch die Androhung körperlicher Schmerzen beim polizeilichen Verhör verletzt wurden? Er habe, berichtete der Anwalt der Mörders, "ergriffen und tief berührt" auf die gute Nachricht aus Straßburg reagiert, dass der Gerichtshof seine Beschwerde zur Entscheidung angenommen habe. Und wenn das Verfahren aufgerollt wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass es mit einem Freispruch beendet wird, weil die Regeln eines fairen Verfahrens verletzt wurden. Ich weiß, auch ein Mörder hat einen Anspruch auf einen Prozess nach den Regeln der Strafprozessordnung, aber ein elfjähriges Kind, dessen Recht auf Leben missachtet wurde, hat einen Anspruch darauf, dass der Mörder nicht zum Opfer seiner eigenen Tat stilisiert wird. Theoretisch sind das alles Selbstverständlichkeiten, über die man eigentlich nicht reden müsste. Dass es praktisch keine Selbstverständlichkeiten sind, hat damit zu tun, dass der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt und durch drei Untugenden ersetzt wurde: Äquidistanz, Relativismus und Toleranz. Ja, sie haben sich nicht verhört: ich sagte Toleranz. Toleranz war das Gebot der Zeit, als Lessing seinen Nathan in eine Welt setzte, die vertikal organisiert war. Die einen waren oben und die anderen waren unten, und dazwischen war wenig. Aber in horizontal organisierten Gesellschaften, in denen es kein Oben und kein Unten, sondern ein breites Spektrum an homogenisierten Angeboten gibt, unter denen man wählen kann, in horizontal organisierten Gesellschaften kommt das Toleranzgebot nicht den schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern. Wir werden täglich aufgerufen, für alle möglichen Fundamentalismen und Fanatismen Verständnis zu haben und Toleranz zu praktizieren, Vorleistungen zu erbringen, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ein deutscher Nobelpreisträger hat den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als GoodwillGeste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäußert, könnte ihn sein Leben kosten. So wie es einen afghanischen Muslim fast das Leben kostete, als er zum Christentum konvertierte. Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken. Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang, der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird. Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden. Der darf "Ehrenmorde" und andere Kleinigkeiten nicht mit dem "kulturellen Hintergrund" der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und gleichwertig sind. Wer sich zur selektiven Intoleranz bekennt, der wird auch darauf achten, nicht in die Falle der Äquidistanz und des Relativismus zu tappen. Inzwischen kann man auf jeder Tupperware-Party Punkte sammeln, wenn man nur erklärt, George Bush und Usama Bin Ladin seien aus demselben Holz geschnitzt, die Zahl der Menschen, die bei Terroranschlägen ums Leben kommen, sei viel kleiner als die Zahl der Verkehrstoten, und die christlichen Kreuzfahrer hätten viel mehr Blut vergossen als die islamischen Terroristen heute. So kann man sich aus der Wirklichkeit schleichen, aber man entkommt ihr nicht. Ich wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe ihre Anerkennung als Alternative zur vegetarischen Lebensweise fordern würde, zeichnen sich doch beide durch eine gewisse Einseitigkeit aus. ... Ich habe mich in einer Nische eingerichtet, aus der ich manchmal zu entkommen versuche: nach Island, nach Kalifornien, weit weg von deutschem Größenwahn, jüdischer Wehleidigkeit und multikulturellen Missverständnissen. Und dann zieht es mich doch zurück in die Arena der Eitelkeiten, zu den anderen Pausenclowns, die mit dem Finger aufeinander zeigen und sich gegenseitig vorwerfen, Profiteure der repressiven Toleranz zu sein. Die Frage, ob ich verrückt bin oder die anderen, werden wir heute nicht klären können, sie muss offen bleiben, vorläufig. Ich weiß nur, dass ich nicht der Einzige bin, der sie sich stellt. Jemand, dem ich viel verdanke, bei dem ich viel gelernt und einiges geklaut habe, hat sie sich immer wieder gestellt: der Geschichtenerzähler und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, das Schwarze Schaf vom Niederrhein. Hüsch war, ohne selbst den Anspruch zu erheben, ein Philosoph oder, wie man auf Jiddisch sagen würde: a Mensch. Er hat von der "Solidarität der Einzelidioten" gesprochen und viele wunderbare Texte geschrieben, darunter einen, der in meinem Kopf rumort, seit ich ihn das erste Mal gehört habe: Ich sing für die Verrückten Die seitlich Umgeknickten Die eines Tags nach vorne fallen Und unbemerkt von allen An ihrem Tisch in Küchen sitzen Und keiner Weltanschauung nützen Die tagelang durch Städte streifen Und die Geschichte nicht begreifen Die sich vom Kirchturm stürzen Die Welt noch mit Gelächter würzen Und für den Tod beizeiten Sich selbst die Glocken läuten Die mit den Zügen sich beeilen Um nirgendwo zu lang zu weilen Die jeden Abschied aus der Nähe kennen Weil sie das Leben Abschied nennen Die auf den Schiffen sich verdingen Und mit den Kindern Lieder singen Die suchen und die niemals finden Und nachts vom Erdboden verschwinden Die Wärter stehen schon bereit mit Jacken Um werkgerecht die Irrenden zu packen Die freundlich auf den Dächern springen Für diese Leute will ich singen Die in den großen Wüsten sterben Den Schädel längst schon voller Scherben Der Sand verwischt bald alle Spuren Das Nichts läuft schon auf vollen Touren Die sich durchs rohe Dickicht schieben Vom Wahnsinn wund und krank gerieben Die durch den Urwald aller Seelen blicken Den ganzen Schwindel auf dem Rücken Ich sing für die Verrückten Die seitlich Umgeknickten Die eines Tags nach vorne fallen Und unbemerkt von allen Sich aus der Schöpfung schleichen Weil Trost und Kraft nicht reichen Und einfach die Geschichte überspringen Für diese Leute will ich singen.
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| « Zuletzt bearbeitet: 29. Juni 2007, 09:36 Uhr von MultiVista » |
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #72 am: 29. Juni 2007, 11:37 Uhr » |
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Am 29. Juni 2007, 09:55 Uhr, schrieb Aqvilleia : Multi - du hast dich ja mächtig ins Zeug gelegt Ich glaube nicht, dass ich in einer Welt voller intoleranter Aufklärer leben möchte! Wie schon Konfuzius sagte, das Wohlwollen und das Streben nach Humanität ist die unentbehrliche Wurzel von allem, was ethisches Handeln betrifft. Ethik ist allein aus Vernunft heraus zum Scheitern verurteilt. LG |
| hallo Aq! Deinen letzten Satz solltest du dir in Ruhe noch einmal überlegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du wirklich so böse bist. Denn die Grenzen der Toleranz werden schlicht durch die Ethik gesetzt. Der "Aufklärer" ist richtig verstanden derjenige, der Menschenrechte fordert. Wenn er einen Ethikverstoß verhindern kann (Diebstahl), tut er es und ist damit schlicht intolerant gegenüber dem Dieb, so einfach ist es. Die Vernuft fordert sowohl Toleranz als auch Ethik. Im Ramen der Menschenrechte wie Religionsfreiheit etc. ist Toleranz ein ethisches Gebot. Da Diebstahl die Menschenrechte verletzt, gebietet die Ethik hier selbstverständlich Intoleranz. Salve
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Re: Grenzen der Toleranz
« Antworten #73 am: 29. Juni 2007, 11:59 Uhr » |
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Am 29. Juni 2007, 06:29 Uhr, schrieb delfi : Der "Aufklärer" ist richtig verstanden derjenige, der Menschenrechte fordert. Wenn er einen Ethikverstoß verhindern kann (Diebstahl), tut er es und ist damit schlicht intolerant gegenüber dem Dieb, so einfach ist es. Die Vernuft fordert sowohl Toleranz als auch Ethik. |
| Richtig! Vernunft ist die Keimzelle der Moral, auch wenn es negative Ausnahmen gibt. Das wird dann schnell von den "Nur-Gläubigen" benutzt, um zu "beweisen", dass Vernunft nichts tauge. Aber "Gott"? Ist dieser nicht geradezu ein "Wesen", welches schon zu oft gegen die Menschenrechte agiert hat, sie sogar OFFENBAR (ung) schliesslich in die ewige Verdammnis schickt? Kein Wunder! Denn dieser "Gott" ist -wie alle Götter - vom Menschen selbst gemacht, und zwar vom NICHTmündigen, NICHTaufgeklärten! MultiVista
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| « Zuletzt bearbeitet: 29. Juni 2007, 12:01 Uhr von MultiVista » |
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